Geschichte Madrid

Madrid – eine Stadt, die ihre Bedeutung erarbeiten musste

Die meisten europäischen Hauptstädte tragen ihre Geschichte offen zur Schau. Rom hat das Forum, Paris das Louvre-Areal, Wien die Hofburg. Madrid ist anders. Seine Geschichte liegt eher unter der Oberfläche, versteckt in Straßennamen, in der Anordnung alter Viertel, in den Schichten, auf denen die moderne Stadt gebaut ist. Das macht Madrid für Geschichtsinteressierte spannend – man muss etwas graben, aber es lohnt sich.

Maurische Anfänge

Madrid wurde im 9. Jahrhundert als kleine Festung der Mauren gegründet, vermutlich unter Emir Mohammed I. Der Name geht auf das arabische Mayrit zurück, was so viel wie Ort mit vielen Wasseradern bedeutet. Diese Wasser waren der Grund, die Stadt hier zu errichten: strategisch gelegen am Rande der Sierra de Guadarrama, mit natürlichen Quellen und gutem Blick nach allen Seiten. Reste der alten Stadtmauer sind heute noch an wenigen Stellen zu sehen, besonders in der Nähe der Almudena-Kathedrale.
Im Jahr 1085 eroberte Alfons VI. von Kastilien die Stadt. Madrid blieb in den folgenden Jahrhunderten aber eher unbedeutend – ein Provinzort unter vielen.

Der Aufstieg zur Hauptstadt

Der entscheidende Moment kam 1561. König Philipp II. verlegte damals seinen Hof von Toledo nach Madrid und machte die Stadt zur festen Residenz des spanischen Königshauses. Warum genau Madrid? Historiker streiten darüber. Die zentrale Lage auf der iberischen Halbinsel spielte sicher eine Rolle, ebenso das vergleichsweise günstige Klima und die Möglichkeit, die wachsende Stadt nach eigenen Plänen zu gestalten – in Toledo war alles schon verbaut.

In den folgenden Jahrzehnten wuchs Madrid enorm. Die Plaza Mayor wurde angelegt, Paläste entstanden, Klöster siedelten sich an. Gleichzeitig blieb die Stadt im Vergleich zu Paris oder London lange Zeit provinziell – ein Umstand, über den ausländische Diplomaten gern spotteten.
Die Bourbonen und das 18. Jahrhundert
Mit dem Wechsel der Königsdynastie von den Habsburgern zu den Bourbonen begann im 18. Jahrhundert eine neue Ära. Karl III. regierte von 1759 bis 1788 und gilt bis heute als der beste Bürgermeister Madrids, wie die Madrilenen selbst sagen. Er ließ den Prado, den Retiro und zahlreiche öffentliche Gebäude anlegen oder umgestalten, führte Straßenbeleuchtung ein und modernisierte die Stadt grundlegend.
Die Napoleonischen Kriege im frühen 19. Jahrhundert hinterließen tiefe Spuren. Der Aufstand vom 2. Mai 1808 gegen die französischen Besatzer wurde von Goya in zwei berühmten Gemälden festgehalten, die heute im Prado hängen. Dieser Tag ist noch heute ein offizieller Feiertag in Madrid.
Demokratie und La Movida
Mit Francos Tod 1975 begann die Transición, der Übergang zur Demokratie. Madrid wurde in den 1980er-Jahren zum Epizentrum der Movida madrileña, einer kulturellen Explosion aus Musik, Kunst und Nachtleben, die bis heute prägt, wie Madrid sich selbst sieht. Pedro Almodóvar ist vielleicht der bekannteste Name dieser Zeit.

20. Jahrhundert – Republik, Bürgerkrieg, Diktatur

Das 20. Jahrhundert brachte Madrid tiefe Verwerfungen. Die Zweite Republik von 1931 war eine Phase der Aufbruchsstimmung und politischer Unruhe. 1936 begann der Spanische Bürgerkrieg, in dem Madrid fast drei Jahre belagert wurde. Teile der Stadt wurden zerstört, das Leben der Madrilenen war von Hunger und Bomben geprägt. Einschusslöcher in Fassaden, etwa an der Universidad Complutense oder entlang der Gran Vía, erinnern heute noch daran.
Unter der Diktatur Francos (1939–1975) stagnierte Madrid politisch, wuchs aber rasant. Millionen Menschen aus ländlichen Regionen zogen in die Hauptstadt auf der Suche nach Arbeit. Der Stadtrand dehnte sich aus, viele heutige Wohnviertel stammen aus dieser Zeit.

Madrid heute

Die Stadt hat heute rund 3,3 Millionen Einwohner im Stadtgebiet, über 6 Millionen im Ballungsraum. Sie ist modern, offen und durch Zuwanderung vielfältiger als viele glauben. Wer die Schichten der Geschichte erkennen will, findet sie überall – in Gebäuden, auf Plätzen, in Gesprächen mit älteren Madrilenen, die sich noch an die Zeiten vor der Demokratie erinnern.